Jämtland / Västerbotten

Übers
Stekenjokk
und aufs Marsfjäll
Hallo
Freunde, falls Ihr es schon vergessen
haben solltet: wir befinden uns mitten
auf der Wildnisstrasse! Es ist Herbst,
die erste Oktoberwoche und überall
im Tal sind noch die schönsten Herbstfarben
zu bewundern. Heute fahren wir von Stora
Blåsjön hinauf aufs Stekenjokk
und werden uns da ein wenig umtun. In
Klimpfjäll statten wir dem Norgefarargård
einen Besuch ab (s. http://www.schwedenoutback.com/Norgefararleden.htm)
um dann in Saxnäs am 30 km langen
Kultsee Quartier zu beziehen.
von Eduard Nöstl
Fortsetzung
von: Auf der
Königsstrasse in den Norden
IN
ANKAREDE
Von
unserem Hüttchen im Fjällcamp
am Stora Blåsjön sind es nur
7 km bis Ankarede, dem kleinen Kirchendorf
der Lappen, wo in den Jahren, als es noch
keine Strasse und schon gar keine Autos
gab, die Menschen, die dem Gottesdienst
beiwohnen wollten, in kleinen Hütten,
die neben und um das Kirchlein errichtet
wurden, übernachteten. Diese Hütten,
ganz malerisch am Ufer des Lejarflusses
hingelagert, sehen heute noch so aus wie
vor hundert Jahren und sind immer noch
bewohnt. Zumindest im Sommer zu Mittsommer
oder an anderen hohen kirchlichen Feiertagen,
wenn die Lappen hier zusammenkommen und
sich über die Ereignisse der letzten
Monate austauschen.
Natürlich
ist die Arbeit der Lappen heutzutage viel
leichter geworden, doch die Rentiere sind
noch immer frei lebend und streifen auf
dem Fjäll umher wie seit vielen hundert
Jahren, und sie einzufangen ist nicht
unbedingt einfacher geworden, was die
vielen Kilometer Rentierzäune beweisen,
die quer über die Fjälls gespannt
sind.
Heute
liegt Ankarde in einem herbstlichen Zwischenschlaf
versunken. Nichts regt sich, das Tor des
Kirchleins ist verschlossen, geradeso
wie die umliegenden Hütten. Es mutet
wie ein Anachronismus an, wenn man die
starken Vorhängschlösser sieht,
die an den verdorrten Holzhütten
hängen. Zwischen den alten Holzhütten
sind ein paar neue entstanden und zeugen
von erwachtem Traditionsbewusstsein, wie
ja überhaupt die Naturvölker
weltweit im Zuge der Globalisierung und
der damit einhergehenden Regionalisierung
ein erstarktes Selbstbewusstsein zu erleben
scheinen, angeregt nicht zuletzt durch
unsere überzivilisierte Jugend in
den Grosstädten, deren romantische
Vorstellungen vom freien Leben in der
Natur an diesen Völkern und seinen
Vertretern festgemacht werden kann, wobei
sehr leicht vergessen wird, dass diese
Völker sich sehr wohl über die
Fortschritte der Technik, soweit sie ihre
Arbeit erleichtert, freuen.
Wir
spazieren über die Holzbrücke,
die die ruhigen Wasser des Lejarflusses
überspannt und wandern noch ein Stück
am gegenüberliegenden Ufer entlang,
wo ein gekennzeichneter Motorschlittenpfad
uns den Weg weist. Doch nicht lange, denn
wir wollen heute noch aufs Stekenjokk
und daher kehren wir bald schon um, ehe
uns die Ruhe und Stille des Ortes ganz
gefangen nimmt.
AUFS
STEKENJOKK
Die
Strasse auf das Stekenjokk ist ebenso
breit und asphaltiert, wie wir das von
den schwedischen Strassen gewohnt sind,
daher ist die Fahrt zur Passhöhe
völlig problemlos zu bewältigen.
Kleine Schilder zeugen von herrlichen
Ausflugszielen, wie Leipikvatten oder
Bjurälven. Je weiter wir hinaufkommen,
umso kahler wird die Landschaft. Wiewohl
das Stekenjokk mit seinen 856 m nicht
gerade einen Höhenrekord aufstellt,
wird man als gewiefter Schwedenfan tausend
Meter dazurechnen und 1856 Höhenmeter
sind dann schon respektgebietend. Kein
Wunder, dass hier der Schnee bis weit
in den Sommer hinein liegt und im Juni
noch Snowboardmeisterschaften ausgetragen
werden.
Davon
ist heute nichts zu spüren, die Witterung
ist angenehm, wenn auch ein rauhes Lüftchen
weht, doch damit ist jetzt im Herbst einfach
zu rechnen. Je höher wir kommen,
desto weiter wird das Land und von Norwegen
her grüssen die schneebedeckten Gipfel
der Gletscher des Borgafjälls. Linkerhand
schiesst der Gaustafall vorbei und dann
gleiten wir bereits über die weitgestreckte
Ebene der Passhöhe.
Am
Schild Stekenjokk geht es vorüber
und dann gilt es, die Augen offenzuhalten,
denn linkerhand rauscht in einer Entfernung
von etwa dreihundert Metern ein herrlicher
Gletscherfluss, an diesem wollen wir ein
Stück entlangwandern. Dabei geht
es uns nicht so sehr ums Wandern, sondern
es ist immer wieder eine Freude, das Wasser
für den Kaffee direkt aus dem Fluss
zu schöpfen und ich bilde mir ein,
der Kaffee schmeckt gleich noch einmal
so gut, wenn er mit dem klaren, perlenden
Wasser eines Fjällflusses zubereitet
wird.
Gesagt,
getan. Das Auto wird auf einem der zahlreichen
Parkplätze abgestellt, dieser liegt
gleich neben der Rot-Kreuzhütte,
also einer Betonhütte, die mit riesigen
Rotkreuzschildern bemalt ist. Zu dieser
Hütte führen aus jeder Himmelsrichtung
durch hohe Stangen markierte Notwege für
Wanderer, die sich im Nebel oder im Schneesturm
verirrt haben. Die Hütte ist offen
und darin befindet sich alles, was für
einen Einsatz notwendig ist: Tragbahren,
Decken, und verschiedene Taschen mit Erster
Hilfe. Toll.
Wir
folgen einem kleinen Pfad, der querfeldein
zum Fluss hinunterführt. Ein ziemliches
Lüfterl bläst und wir ziehen
uns die Kappen tief ins Gesicht. Wie so
oft unterliegen wir einer ziemlichen Täuschung,
als wir uns im Abstand gründlich
verschätzen, es ist weiter als man
denkt, doch endlich erreichen wir den
gischtenden Fluss, der sich hier über
die Steine und Felsen ergiesst. Riesige
Gletschermühlen zeugen von der Allgewalt
des Wassers und des Eises.
Der
Trangia - Kocher wird hervorgeholt, das
Wasser direkt aus dem Fluss geschöpft
und gleichzeitig mit dem kochenden Wasser
beginnt es zu regnen. Zuerst ein feiner
Nieselregen, dann etwas stärker und
als wir den Kaffee ausgetrunken haben,
hört es auch zu regnen auf und der
Wind treibt die Wolken auseinander.
Es
wäre zwar sehr schön hier, doch
wir wollen weiter. Ich will endlich das
Gebiet sehen, wo hier heroben während
zwanzig Jahren Erz abgebaut wurde. Diese
Stelle befindet sich bereits in Västerbotten/Lappland,
wie erwähnt ist die Passhöhe
zugleich auch die Landesgrenze für
die Provinzen Jämtland und Lappland.
Eine kleine Informationshütte, einem
Lappentipi nachempfunden, steht unübersehbar
am Strassenrand.
Hier
finde ich auch Bilder und eine Legende:
1918 wurden hier heroben erste geologische
Erzfunde gemacht. Bis 1960 sollte es dauern,
ehe diese Funde von der Bergbaufirma Boliden
ernsthaft projektiert wurden. 1970 wurde
vom Staat eine Kommission eingesetzt,
die prüfen sollte, ob die Funde für
würdig befunden werden sollten, einen
Abbau in Erwägung zu ziehen. Sie
wurden und 1976 begann Boliden mit dem
Erzabbau.
Ganze
zwölf Jahre dauerte es und bis 31.Oktober
1988, als die Grube wieder still gelegt
wurde wurden abgebaut: 7,1 Millionen Tonnen
Erz, daraus wurden 90.000 Tonnen Kupfer,
170.000 Tonnen Zink, 140000 kg Silber
und 980 kg Gold gewonnen. Und nicht zuletzt,
der Ort Klimpfjäll, der einige Kilometer
weit entfernt liegt, erlebte durch die
Bergarbeiter einen ungeahnten Aufschwung.
WANDERUNG
RICHTUNG TJOKKOLA
Doch
noch wollen wir nicht bis Klimpfjäll
abfahren, sondern uns steht der Sinn nach
einer kleinen Wanderung. Wir halten Ausschau
nach dem Schild Tjokkola. Erst nach der
Brücke über den Fluss Saxån
werden wir belohnt. Tjokkola 9 steht da.
Die Entfernungen auf den schwedischen
Schildern werden immer in Kilometern angegeben,
nicht wie in den Alpen mit Stunden. Erfreut
lassen wir das Auto stehen und schultern
die Rucksäcke. Die Markierung der
Andreaskreuze verläuft querfeldein,
doch wir lassen uns nicht verleiten, dieser
zu folgen, sondern bleiben auf einem breiten
Karrenweg, sehr zur Freude meiner Begleiter,
die sich von diesem "Pensionistensteig"
sehr angetan zeigen.
Mir
selber will das nicht so recht gefallen,
daher laufe ich nach etwas fünfzehn
Minuten querfeldein los auf den nächsten
Hügel hinauf. Ich hatte zwar in meinem
Eifer einen kleinen Bach übersehen,
der vom Weg aus nicht zu sehen, sich durch
das Wollgras schlängelt, aber genau
da, wo ich auf ihn stosse, wird er ganz
schmal, sodass ich ihn mit einem Sprung
forcieren kann. Wie das nun so ist bei
den schwedischen Bergen, reiht sich ein
Hügel an den nächsten, und der
Abstand zum Pensionistensteig wird immer
grösser. Das macht mir aber nichts
aus, denn inzwischen ist die Sonne endgültig
durchgekommen und die ganze Gegend erstrahlt
in satten, reifen Herbstfarben. Hier heroben
merkt man auch an der geologischen Form,
dass wir uns mitten im Fjäll befinden,
von überall her leuchten die blauen
Augen der kleinen Bergseen. Wunderbar!
Wie
gross wird erst meine Freude, als ich
auf einen ganz besonders hohen Hügel
rauflaufe und von dort oben einen echt
tollen Blick ins Nachbartal, also Richtung
Tjokkola habe, mit der Durrenspitze vor
mir und einem grossen Fluss und seinen,
fast könnte man sagen, deltaartig
verzweigten Zu- und Nebenflüssen
im Tal. Sieht aus fast wie das Rapatal!
Vielleicht sogar noch schöner, denn
weit hinten am Horizont leuchten die norwegischen
Gipfel herüber. Diese kleine Extratour
hat sich wirklich ausgezahlt. Von hier
heroben sehe ich auch den Pensionistensteig
in weiter Ferne und zwei kleine Punkte
darauf, die gemächlich dahinspazieren.
Genau
an einem kleinen Bergsee treffen wir wieder
aufeinander und wieder ist Kaffeepause
angesagt. Es ist so wunderschön,
der See vor uns, die Ruhe, der totale
Friede, kein Mensch weit und breit, nicht
einmal eine Strasse ist zu sehen, das
ist Schweden! Schöner kann es einfach
nicht sein.
Wieder
beim Auto ist es an der Zeit, dass wir
uns um ein Nachtquartier umsehen. Die
Wahl fällt schwer: Zwei nahezu gleichwertige
Alternativen bieten sich an: Hotel Fjällfjället
in Klimpfjäll und Hotel Saxnäsgården
im gleichnamigen Ort am anderen Ende des
Kultsees. Die Entscheidung fällt
zu Gunsten von Saxnäs, weil wir am
nächsten Tag auf das Marsfjäll
gehen wollen, und zwar von Marsliden aus.
Der "Normalweg", wenn man so
will, führt von Fatmomakke auf dieses
Fjäll. Fatmomakke wiederum liegt
näher bei Klimpfjäll und für
alle, die sich auf das Marsfjäll
von Fatmomakke aus begeben wollen, ist
ein Hüttchen des Hotels Fjällfjället
wärmstens empfohlen.
So
begnügen wir uns mit einem Blick
vom Norgefarargård, der in der Abendsonne
badet, hinunter auf den Kultsee. Dann
legen wir die dreissig Kilometer nach
Saxnäs immer am Kultsee entlang zurück.
Der Tag klingt in einer wunderbaren Abendstimmung
aus, die Sonne taucht den Felsen in ein
rotes Licht, und als wir uns Saxnäs
nähern, sehen wir das Marsfjäll
wie einen wuchtigen Klotz auf der gegenüberliegenden
Seite des Kultsees aufragen.
IN
SAXNÄS
Unser
Hüttchen liegt am Kultsee und ist
überkomplett ausgerüstet - Sauna,
zwei Schlafzimmer, Küche, im Foyer
des Hotels Saxnäsgården gibt
es einen gut bestückten Souvenirladen
, was trotz des vielfälrigen Angebots
an exotischen Souvenirs in Lappland gar
nicht gar nicht so leicht zu finden ist.
Ein
Wermutstropfen ist trotz aller Eleganz
und trotz des sehr hohen Preises, dass
das Wischtuch anscheinend schon seit der
Einweihung des Hauses nicht mehr getauscht
wurde, dass ein Heizkörper kaputt
ist und der Schwamm in der Abwasch beim
Angreifen völlig zerbröselt.
Das ist bei dem Preis einfach unnötig
und setzt unserer Begeisterung über
die Hütte einen gehörigen Dämpfer
auf. Ach ja, was uns besonders ärgert
ist der offene Kamin und daneben das Schild:
Holz zum Heizen kann in der Rezeption
gekauft werden. Bei 870.- Kronen(also
€ 80.-) die Nacht müssen doch
zwei Holzscheite wohl im Preis inbegriffen
sein!
Dennoch
lassen wir uns von solchen kleinen Unannehmlichkeiten
nicht die Laune verderben, sondern geniessen
den Abend und kriechen früh ins Bett,
denn am nächsten Tag steht wie gesagt
das Marsfjäll auf dem Programm. Marsliden
liegt dreissig Kilometer von Saxnäs
entfernt ungefähr auf der gegenüberliegenden
Seite des Kultsees von Saxnäs aus
gesehen.
Als
ich am Morgen einen Blick aus dem Fenster
werfe, traue ich meinen Augen kaum: Nebel,
so dicht, dass ich kaum das nächste
Gebäude sehe. Das sind nun wirklich
nicht ideale Wetterbedingungen für
das Marsfjäll, das mit 1800 m doch
ein echter Berg ist, speziell wenn man,
wie anzuempfehlen, tausend Höhenmeter
dazurechnet.
Nach
einem ausgedehnten Frühstück,
immer von der Hoffnung verlängert,
dass sich der Nebel doch noch lichten
möge, setzen wir uns ins Auto und
tuckern nach Marsliden. Nicht einmal der
Treppenwasserfall, wo sich der Kultsee
über eine treppenförmige Steinformation
in den Kultbach ergiesst, ist ordentlich
zu sehen. In Marsliden wartet die nächste
unliebsame Überraschung: Die schmale
Strasse ist in ihrer ganzen Breite aufgegraben
und zwei Männer sind damit beschäftigt,
ein Entwässerungsrohr zu verlegen.
Diesmal macht uns das Warten nichts aus,
denn zum Nebel hat sich jetzt noch ein
leichter, dafür steter Regen gesellt.
Bald
sind die beiden fertig, sagen uns auch
noch den Weg an, "nach 500 m rechts
hinauf Richtung Fjällstugor"
und dort parken. Diesen Rat befolgen wir
gern. Direkt am Parkplatz stehen wirklich
einige Hüttchen, die ich mir vormerke,
falls ich wieder einmal von hier aufs
Marsfjäll gehen will, sie scheinen
zwar klein, doch für eine oder zwei
Nächte sicher lang gut und vor allem
preislich sicher angenehmer als unser
Haus auf der anderen Seite.
AUFS
MARSFJÄLL
Marsfjällskåtan
12 steht da auf dem blauen Schild. Also
12 Kilometer. Jetzt ist es zehn Uhr. Auf
der Karte hatte ich gesehen, dass die
Marsfjällshütte (Kåtan
= Hütte) ungefähr 5 km vom Gipfel
entfernt ist und direkt am Weg von Fatmomakke
auf das Marsfjäll liegt. Der Weg
von Marsliden mündet in diesen Weg
ungefähr zwei Kilometer von der Marsfjällhütte
Richtung Gipfel. Bei drei Kilometern pro
Stunde wird der heutige Ausflug also ungefähr
sechs bis sieben Stunden dauern. Vielleicht
acht, wenn man ein kleines Wegsuchen,
Verirren und Wiederfinden einrechnet.
Bei dem Nebel und bei der späten
Stunde sollte man sich vielleicht etwas
sputen.
Wir
steigen die ersten fünfhundert Meter
den Weg bergauf. Steine, grosse, kleine,
der Weg ist übersät davon. Nach
einer halben Stunde beschliessen wir,
dass wir getrennt marschieren, und machen
aus, um zwei Uhr umzudrehen, egal, wo
wir uns gerade befinden. Nach etwa drei
Kilometern komme ich zu einer Hütte,
"Apelsinklyftan", also Orangenspalte,
geheissen. Da sind gerade zwei junge Schweden
dabei, sich ihr Frühstück zu
bereiten. Sie sind schon gestern aufgestiegen
und haben im Zelt am Bach, den ich bis
hierher rauschen höre, übernachtet.
Ich
haste weiter. Hatte ich unten noch gehofft,
vielleicht, vielleicht, könnte sich
der Nebel hier über der Baumgrenze
lichten und den Blick auf einen blauen
Himmel freigeben, so sehe ich diese Hoffnung
enttäuscht. Im Gegenteil, der Nebel
wird immer dichter, was ich eigentlich
gar nicht mehr für möglich gehalten
hatte.
Zum
Glück ist der Weg wirklich gut markiert,
teils mit orangefarbigen Ringen an den
Bäumen und hier heroben, wo es keine
Bäume mehr gibt, nur riesige Steinklötze,
durch Steinmänner. Es ist kein angenehmes
Wandern. Am Bach geht es noch, da rauscht
der Bach, doch hier schluckt der Nebel
jedes Geräusch und man muss sich
enorm konzentrieren, um den Weg nicht
aus den Augen zu verlieren.
Irgendwie
erinnert mich diese Wanderung an meinen
Ausflug auf den Kebnekaise, wo ähnliche
Bedingungen geherrscht hatten. Oder auf
den Pårtegipfel, aber an den erinnere
ich mich nicht gern, denn die Waschküche
dort war überhaupt das Schlimmste,
was ich in Beziehung Nebel jemals erlebt
hatte.
Ich
renne bis zu einem Bach. Hier ist plötzlich
eine unfreiwillige Pause angesagt. Nach
der Karte müsste der Weg auf der
anderen Seite des Bachs weitergehen, doch
ist keine Furt da, nur neben dem Bach
verläuft noch ein kleiner Weg am
Ufer entlang. Dem beschliesse ich zu folgen.
Leider, er endet in einem Morast. Ich
laufe in den eigenen Spuren zurück,
auf der anderen Seite des Bachs ist nichts
zu sehen. Kein Weg, kein Steinmann, nur
zwischen den Felsen das Andreaskreuz der
Wintermarkierung. Dorthin wende ich mich,
balanciere auf ein paar Steinen über
den Bach und ungefähr auf halbem
Weg kreuze ich durch einen Zufall wieder
meinen Weg. Passt.
Nach
der Karte habe ich jetzt ungefähr
ein Drittel des Wegs zurückgelegt,
es ist zwölf Uhr und ich merke, dass
ich für diese Tour nicht optimal
ausgerüstet bin. Mein Fleecepullover
zieht die Feuchtigkeit des Nebels an und
meine Jacke baumelt am Rucksack. Dummerweise
habe ich meinen "Jagdrock" an,
also ein Kleidungsstück, das sich
sehr gut für einen Tagesausflug in
schonische Buchenwälder eignet, aber
hier heroben doch wohl etwas fehl am Platze
ist. Daher lasse ich die Jacke, wo sie
ist. Auch meine Beinkleider sind nicht
ideal für dieses Wetter.
Die
Fjällrävenhose ist wirklich
super im Sommer, denn sie ist aus ganz
dünnem Baumwollstoff und trocknet
superschnell - nur ist sie ebenso schnell
wieder nass, was sich jetzt unangenehm
bemerkbar macht. Handschuhe und Mütze
liegen auch im grossen Rucksack in der
Hütte in Saxnäs, zusammen mit
dem Regenzeug, das dem Trangiakocher weichen
musste und viel mehr hat in meinem winzigen
Tagesrucksack nicht Platz. Naja, die Schirmkappe
etwas fester gedrückt und den Hügel
hinaufgestürmt.
Sagte
ich eben Hügel? Vor dem eigentlichen
Marsfjäll gilt es einen kleinen Pass
zu überwinden. Zumindest war mir
das gestern Abend so vorgekommen, als
ich mir die Route in der warmen Hütte
auf der Karte angesehen hatte. Heute schraubt
sich der Weg einen Steilhang empor in
einer Rinne, die voller Geröl ist.
Da drüben ist sogar noch ein Schneefeld
zu sehen.
Rechts
von mir ragt der Berg in die Nebel. Doch
der Weg ist gut sichtbar und Stangen weisen
mir den Weg. Dennoch, so hatte ich mir
diesen Ausflug nicht vorgestellt. Irgendwie
hatte ich einen sanften Spaziergang erwartet,
nicht eine hochalpine Tour.
Hier
sei eine Anmerkung gestattet: Wie sehr
doch bei jeder Tour die innere Einstellung
eine Rolle spielt. Und das Wetter. Nebel
ist so ziemlich das Schlimmste, was ich
mir vorstellen kann, gesellt sich zu diesem
Nebel dann noch ein ausgewachsener Sturm
und Regen, so wie hier, nun, dann muss
die Motivation schon sehr gross sein.
Dann sollte die Ausrüstung in Ordnung
sein und der Witterung angepasst und vor
allem der Wille muss da sein. Der Wille,
den Gipfel zu erreichen und nicht klein
beizugeben.
Heute
scheint nichts davon zu stimmen. Die Ausrüstung
nicht und auch der Wille ist etwas dünn.
Ausserdem habe ich noch nichts gegessen,
bin aber jetzt schon zu müde um noch
lang den Rucksack auszupacken und die
Speckbrote anzugehen. Ausserdem bläst
der Sturm und wie ich kurz stehenbleibe,
merke ich, dass es eigentlich ganz schön
kalt ist. Hätte ich nur meine gute
Vadmals(Loden)hose und die Gamaschen an
den Füssen. Der Wind bläst durch
den Fleece durch und mich friert.
Als
ich die Anhöhe und das Ende der Schlucht
erreicht habe, beschliesse ich, zu rasten.
Ich würge ein Speckbrot hinunter,
eigentlich hatte ich damit gerechnet,
überall ausreichend Wasser vorzufinden
und hatte daher auf den Luxus einer Wasserflasche
verzichtet. Natürlich ist jetzt weit
und breit kein Gewässer zu sehen.
Dafür - ein sauber abgenagtes Rentierskelett
, sogar die Läufe sind noch dran.
Das will mir nun so ganz und gar nicht
gefallen, daher mache ich, dass ich weiterkomme.
Inzwischen ist es dreizehn Uhr geworden
und ich habe erst die Hälfte des
Wegs zurückgelegt. Und dabei fehlt
mir immer noch der Aufstieg auf den eigentlichen
Berg.
Hinter
der nächsten Biegung liegt wieder
ein Rentierskelett. Das genügt. Ich
drehe um und renne zurück. Wahrscheinlich
hätte mir das alles nichts gemacht
bei schönem Wetter, aber in diesem
gespenstischen Grau, wo man nur der Wind
heulen hört und mit der Aussicht
bei dichtestem Nebel auf einen Gipfel
zu rennen, und bei einem Verlaufen von
der Dunkelheit überrascht zu werden,
scheint mir das die beste Alternative.
Überraschend
schnell bin ich die Schlucht unten und
hier kommen mir die beiden jungen Schweden
entgegen. Wie auf einem Sonntagsausflug
wandern sie daher, Hand in Hand, das Glück
strahlt aus ihren Augen. Johan und Karin
sind wie alle Einheimischen sehr gut ausgerüstet
- Regenkleidung vom Feinsten, Stiefel
und sehr gute Bergschuhe und vor allem
scheint sie der Nebel nicht im Geringsten
zu stören. Sie gingen noch weiter
bis zur Hütte, dann wollten sie sehen,
ob der Aufstieg lohnt. Naja, mir soll
es recht sein. Jetzt gehe ich die Rinne
auch nicht noch einmal hoch. Ich wünsche
den beiden viel Glück und haste weiter.
Am
Bach verliere ich wieder kurzfristig den
Weg, da sehe ich am anderen Ufer meine
Kameraden auftauchen, die ebenfalls ein
wenig ratlos das Ufer auf- und ablaufen.
Vereint treten wir den Rückzug an
und sind um sechzehn Uhr wieder am Parkplatz.
Um halb sechs wird es dunkel und daher
war die Entscheidung umzukehren vielleicht
doch nicht ganz so unüberlegt, wie
mir das noch zum Zeitpunkt der Wende erschienen
war. Dennoch - ein nicht ganz gutes Gefühl
ist zurückgeblieben und auch jetzt
noch beim Schreiben dieser Zeilen spüre
ich den Respekt vor dem schwedischen Bergen
in mir rumoren.
Wenigstens ist es am nächsten Tag
immer noch neblig und auch der Wetterbericht
verspricht für die nächsten
Tage keine durchgreifende Wetterbesserung.
Daher fällt mir der Abschied nicht
schwer und wir fahren die Wildnisstrasse
hinaus nach Vilhelmina. Auf der Inlandsstrasse
geht es wieder Richtung Süden.
Nachtrag:
Zwischen Hoting und Strömsund gibt
es in Lövberga einen wunderschönen
Rastplatz/Campingplatz mit Toiletten und
einem kleinen Laden an einer Bucht des
Sees Flåsjön. Kurz davor im
gleichen Ort gibt es Vadmalskleidung zu
erstehen. Dies als Tip für Freunde
natürlicher Textilien.
Damit
wäre die Tour über die Wildnisstrasse
abgeschlossen. Auf der Rückfahrt
übernachten wir in einer Hütte
in Kloten, die
sich sowohl vom Preis her als auch von
der guten Luft und der Sauberkeit her
als optimal erweist.
Hier
noch einige wichtige Adressen und Telefonnummern:
http://www.stromsund.se
http://www.vilhelmina.se
http://www.frostviken.z.se
Jormliens Fjällgård Tel. +46
672 201 90
Hotell Fjällfjället Klimpfjäll
(Hütten) +46 940 711 80
Hotel Saxnäsgården Saxnäs
(Hütten) +46 940 554 20
Blåsjöns Fjällcamp +46
672 210 01
Marsliden Hütten +46 940 152 70
Jugendherberge STF in Björkvattnet
+46 672 230 24
Kultsjögården Saxnäs (Hütten)
STF Jugendherberge +46 940 700 44
STF Jugendherberge (Hütten) Docksta
Skoved +46 613 130 64
Kloten Hütten , Kopparberg +46 580
88 300