NORGEFARARLEDEN/Lappland

AUF
DEN SPUREN DER NORWEGENFAHRER
Vor
ungefähr hundertfünfzig Jahren, als die Gegend um das
Stekenjokk und das Marsfjäll gerade erst von den zuwandernden
Schweden für sich entdeckt wurde, lag der nächste Marktplatz
in Åsele, beinahe zweihundert Kilometer weit entfernt. Da
war es für die Menschen leichter, ihre Waren, vor allem Felle,
aber auch Fleisch und Fisch, im nur fünfzig Kilometer weit
entfernten norwegischen Mosjöen gegen Salz, Zucker und andere
lebensnotwendige Dinge einzutauschen. Mosjöen lag allerdings
hinter dem Gebirge Fjällfjäll und es führte kein
richtiger Weg dorthin, sondern die Männer mussten sich mit
Schlitten und Pferden aufmachen, durch zwei Täler und über
zugefrorene Seen und Flüsse, oft verfolgt von Wölfen oder
überrascht von raschen Wetterveränderungen, der einem
Tag reich an Sonnenschein Schneestürme und Eiseskälte
folgen ließ. Heute ist eine Wanderung auf dem Norwegenfahrerpfad
ist leicht und geht, nach der ersten halben Stunde, so gut wie die
ganze Zeit eben dahin. In der Mitte, also nach ca. zwanzig Kilometern,
befindet sich eine Hütte, die Tjåkkele Hütte, zwar
nicht bewirtschaftet ist, aber gut ausgestattet mit Kanonenofen
und Betten, wo eine Nacht verbracht wird und am nächsten Tag
geht es weiter ins norwegische Harvastal zur Harvashütte. Insgesamt
sind ca. 40 km zu laufen, was sich auf zwei Tage verteilen lässt.
von
Eduard Nöstl
Wie
eine Ritterburg thront der Hof über dem Kultseetal. Zwei Fahnen
wehen stolz vor seiner Tür: die schwedische und die samische. Der
Blick ins Tal ist kolossal und beeindruckend. Über die klaren Wasser
des Sees bis weit hinaus Richtung Wilhemina schweift der Blick über
die Bergketten, die sich am Horizont aneinanderreihen, um sich schliesslich
im blauen Dunst zu verlieren.
Das
Obergeschoss und ein Teil des Ergeschosses sind zu einem Heimatmuseum
mit angeschlossenem Café und Laden für Kunsthandwerk ausgebaut.
Öffnungszeiten täglich in der Sommersaison, sonst gegen Voranmeldung
bei Eva Hed, Tel. +46 940 710 75 oder 070 55 15 714.
1.
Etappe: Vom Norwegenfahrerhof zu den Tjåkkelehüten
Gleich hinter dem Hof beginnt also der Norwegenfahrerpfad mit einer
Querung des ersten Berges. Klimpfjäll liegt auf ungefähr sechshundert
Höhenmetern und der Wanderer erspart sich dadurch das mühsame Hochklettern
durch Weidengestrüpp und dichtes Unterholz, das einem schon mal
den Anstieg verleiden kann. Ein Schihang ist zu queren, dann befinde
ich mich bereits in der Einsamkeit der Berge.
Die erste halbe Stunde geht es durch einen Buchenwald leicht bergauf.
Der Weg ist breit und gut ausgetreten, ein Zeichen dafür, dass diese
Strecke recht beliebt ist. Trotzdem begegnet mir ausser ein paar
Archäologen, die nach samischen Fundstätten suchen, kein Mensch.
Es ist wirklich so: in Schweden ist nur im Juli Ferienmonat, alle
anderen elf Monate im Jahr ist man so gut wie allein unterwegs.
Nach
der ersten halben Stunde bin ich bereits auf der Hochebene, die
für den Rest der Wanderung bestimmend bleibt. Diese ebene Streckenführung
trägt dazu bei, dass man einen guten Schnitt erreichen kann von
vier Kilometern in der Stunde.
Es
sind keine Flüsse und Bäche zu queren, sondern schöne stabile Holzbrücken
führen über die Bäche, es handelt sich hier also um einen wirklich
gut ausgebauten Wanderpfad. Schon nach zwei Stunden erweitert sich
das Tal zu einem typischen Trogtal, links erhebt sich das Västra
Fjällfjäll mit einer steilen Wand, und dem Durrenpiken mit 1276
Metern als höchster Erhebung.
Ich
bleibe im Tal und bin schon nach kurzer Zeit am Durrensee mit der
kleinen Durrrenhütte, die, wenngleich unbewirtschaftet, einen durchaus
freundlichen Eindruck macht.
Wir
befinden uns hier auf 796 Metern Seehöhe und eine steife Brise
pfeift durch das Tal und setzt den Wellen des Durrensees Schaumkronen
auf. In diesem Tal kann man sich richtig vorstellen, wie sich die
Eismassen der letzten Eiszeit durchgewälzt haben und dem Tal sein
heutiges Aussehen verliehen haben. In der Ferne blinken bereits
die ersten Schneefelder zu uns herüber.
Am
Ransarbach entlang geht es die letzten hundert Meter zu den Tjåkkelehütten,
die bereits den Norwegenfahrern als Raststätten gedient haben. Es
handelt sich dabei um mehrere Hütten und zwei Ställe mit Grasdach,
direkt am Ransarbach gelegen, aus dem auch das Wasser für den Kaffee
geholt wird. Wasser braucht man hier also nicht mitzuschleppen,
jeder Wasserlauf hat Trinkwasserqualität und das Wasser ist wirklich
glasklar und verlockend.
Die
Hütten sind gut ausgestattet mit Stockbetten und dem unvermeidlichen
Kanonenofen, der sofort eine heimelige Stimmung verbreitet. Von
hier sind es acht Kilometer ins Remdalen und 18 zum Harvastal. Die
Entfernungen sind auf den Schildern angegeben.
2.
Etappe: Von den Tjåkkelehütten ins Harvastal (Norwegen)
Etwa
dreihundert Meter hinter den Tjåkkelehütten führt eine herrliche
alte Holzbrücke über den Ransarbach. Danach zweigt ein Weg Richtung
Stekenjokk ab. Trotzdem es mich reizen würde, von hier aufs Stekenjokk
zu marschieren, bleibe ich meiner Route treu und ich stiefle weiter
Richtung Remtal.
Zwei
Bäche, der Fremsjukke und der Luoktjemjukke sind in rascher Folge
auf schönen Holzbrücken zu überqueren. Schon bin ich im Remtal,
das auf einem Sandrücken ziemlich genau in der Mitte entlanggegangen
wird. Von hier habe ich einen herrlichen Blick auf den glasklaren
und ziemlich tiefen Fluss unter mir. Trotzdem ich hier aus etwa
zehn Metern Höhe in den Fluss blicke, kann ich jeden Stein am Flussgrund
ausnehmen, so klar ist das Wasser. Die Sonne spiegelt sich an der
Oberfläche und über die Hänge ziehen Rentierherden.
Der
Herbst macht sich in diesen Breitengraden bereits bemerkbar und
hat die Hänge bereits in ein sattes Kaminrot getaucht. Stunde um
Stunde wandere ich auf diesem Höhenrücken dahin und kann mich kaum
an den Bergen sattsehen, die, je weiter in den Westen ich vorstosse,
immer höher und schneebedeckter werden. Endlich ist es Zeit für
eine Rast und ich werfe den Rucksack ins Gras, die Wasserflasche
wird geleert und das Jausenbrot schmeckt selten gut.
In
den wärmenden Sonnenstrahlen fallen mir die Augen zu. Mit einem
Ruck werde ich wach. Ein grausliches Schnaufen ganz in meiner Nähe
hat mich geweckt. Was ist das? Ein Bär? Es klingt wie ein Igel im
Liebesstress, doch hundertmal lauter. Vorsichtig richte ich mich
auf und spähe umher. Nichts zu sehen, nur das Schnaufen kommt immer
näher. Plötzlich schiesst ein Rentier um den Busch, dahinter ein
Rentierbock, der dieses schreckliche Schnaufen ausstösst. Da erinnere
ich mich: es ist Brunftzeit und der Bock gibt seiner Erregung durch
lautes Schnaufen Ausdruck.
Weiter
geht es an einer Rentierwächterhütte vorbei, das sind Übernachtungshütten
für die Rentierbesitzer, die, trotzdem die Tiere offensichtlich
völlig frei umherstreifen, ein wachsames Auge auf ihren wichtigsten
Besitz haben.
Nach
vier Stunden von der Tjåkkelehütte gemessen stehe ich an der Reichsgrenze
zu Norwegen, ein kleines gelbes Schild ist alles, was Grenze ausmacht.
Jetzt heisst es Abschied nehmen von der Hochebene und der Abstieg
Richtung Harvashütte beginnt. Durch Birkenwald und an Schwarzbeergestrüpp
vorbei geht es immer weiter.
Es
ist merkwürdig, kaum kommt man vielleicht zweihundert Meter tiefer
ins Tal, ändert sich der Charakter der Vegetation: Die Gräser sind
wieder saftig und grün, auch die Birken sind noch im sommerlichen
grünen Blätterkleid. Schon nach einer Stunde ist die Harvashütte
auf der anderen Seite des Tales zu sehen.
Die
Hütte ist bereits zum Greifen nahe, da ist noch ein kleiner Bach
zu waten. Doch diesmal ist das Furten eine angenehme Sache, denn
das Wasser kühlt die Füsse und ein Bad ist durchaus erfreulich nach
so einer langen Wanderung.
In
der Harvashütte empfangen mich Per und Marianne. Die Harvashütte
ist eine alte norwegische "Fjellstue", also Berghütte, die lange
Zeit unbewirtschaftet war.
Per und Marianne haben sich vorgenommen, hier ein wenig Ordnung
zu machen. Und es ist schon angenehm, wenn man sich nicht um alles
selber kümmern muss, sondern das Essen serviert wird und ein kühles
Bier auf den Tisch kommt. Die Zivilisation hat eben auch ihre Vorteile.
Vor
dem Fenster nehmen Swippir und Fafnir Aufstellung, ein Islandspony
und ein norwegisches Fjording. Mit den Pferden werden wir am nächsten
Tag unter Führung von Per zurückreiten bis zu einem kleinen See
in Schweden, wo Wasserflugzeuge landen können. Doch noch ist es
nicht so weit und es gilt, die Harvashütte etwas näher zu inspizieren.
Die
Harvashütte besteht aus einem grossen Wohnraum und einer Küche,
Wasser wird aus der Quelle neben dem Haus geholt und der Kanonenofen
bullert angenehm, die Betten sind geradezu komfortabel und ich schlafe
zu dem Knistern der Holzscheite wie in Abrahams Schoss. Am nächsten
Tag gibt es ein herzhaftes Frühstück mit dem typisch norwegischen
"Gejtost", also Ziegenkäse, der angenehm süsslich schmeckt.
Dann
werden die beiden Pferde eingefangen, wobei sich der Fjording gar
nicht gern satteln lässt, aber dann lammfromm dahinmarschiert. Heute
ist es ein anderes, einfacheres Wandern als noch am Tag zuvor, vom
Pferderücken sieht man einfach mehr als wenn man die Nase am Boden
hat. Die Gegend ist beeindruckend, wenn sich ein Berggipfel hinter
den andern schiebt und, als wären es über Nacht wieder einige mehr
geworden, gigantische Gletscher herübergrüssen.
Nach einer Stunde gemütlichen Rittes sind wir am See angekommen,
wo mich das Wasserflugzeug abholen und zurück zum Klimpfjäll bringen
wird. Wie gross ist unser Erstaunen, als das Flugzeug zwar auftaucht,
Kurs auf uns nimmt, aber dann einfach über uns hinwegfliegt! Nach
einigen bangen Minuten hören wir das Geknatter eines Hubschraubers.
Des Rätsels Lösung: das Wasserflugzeug war voll beladen und konnte
daher auf dem kleinen See nicht landen, daher wurde einer dieser
winzigen zweisitzigen Hubschrauber gechartert, um mich zum Ausgangspunkt
zurückzubringen.
Die
Strecke für die ich zehn Stunden gewandert bin, wird mit dieser
kleinen Maschine in zwanzig Minuten zurückgelegt. Der Blickvom Hubschrauber
ist faszinierend, vor allem ins Remtal, jetzt sehe ich erst, wie
sich dieser Fluss durchs Gelände mäandert. Wir nehmen Kurs aufs
Fjällfjäll, unter uns liegt der Durensee, rechts ist die Nordwand
des Durrenpiken zum Greifen nahe, schon ist sie hinter uns und vor
uns breitet sich das Kultseetal in seiner ganzen Herrlichkeit aus.
Ein würdiger Abschluss dieser Wanderung auf dem Norwegenfahrerpfad
ist dieser Flug, wo noch einmal alle Höhepunkte im Zeitraffer passieren
können. Es zahlt sich aus und gerade die Anstregung des Wanderns,
die langsame einfühlsame Annäherung an die Natur machen die Wanderung
so wertvoll und lassen sie noch lange in der Erinnerung nachwirken.
Wanderung
vom Klimpfjäll ins Harvastal
Route:
1.Tag: Norgefarargård - Durrental - Durrensee/Durrenhütte (unbewirtschaftet)
- Durrental - Tjåkkelehütten (unbew.)
2. Tag: Ransarbach - Remtal - Landesgrenze - Harvastal Länge: 40
km (20 + 20) Rückweg: gleiche Strecke, oder Helitransport, oder
Reiten vom Harvastal aus.
Höhepunkte: Blick auf den Durrenpiken im Västra Fjällfjäll, Brücke
über den Ransarbach bei den Tjåkkelehütten, Wanderung durch das
Remtal, Blick über die vergletscherten Berge Norwegens. Alternativen:
von den Tjåkkelehütten aufs Stekenjokk (32km)
Markierung: Gut ausgetretener Wanderpfad mit oranger Markierung
bzw. Andreaskreuzen.
Anreise: Malmö - Jönköping - Motala - Örebro
- Lindesberg - Str. 45 - Vilhelmina - Vildmarksvägen (Wildnisstrasse)
- Klimpfjäll.
Last
Updated: Donnerstag, 4. September 2008
Copyright 1999-2008 Dr. Eduard Nöstl
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