Ringsee/Schonen

In
der schwedischen Toscana
Wir
bleiben diesmal gleich in Südschweden, ziemlich genau in der
Mitte sogar, in der Gegend um den Ringsee, der von August Strindberg
einmal als "Schonens grösste Schönheit" bezeichnet
wurde. Die
beiden Hauptorte sind Höör und Hörby, die von der
Reichsstrasse 13 miteinander verbunden werden. Diese Strasse gilt
es, tunlichst zu meiden, vor allem, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs
ist, denn der Verkehr ist für schwedische Verhältnisse
ziemlich intensiv. Zum Glück gibt es kleine Nebenstrassen,
auf denen es sich gut radeln lässt. Darum
wollen wir uns gleich hinausbegeben und uns den durch den Blütenduft
würzigen Sommerwind um die Nase wehen und das Auge über
die weiten Getreidefelder schweifen lassen, wo die Ähren bereits
gelb und schwer an den Stengeln hängen und auf die Erntemaschine
zu warten scheinen und die Sonne vom blauen Himmel lacht, umrahmt
von ein paar richtig fotogenen weissen Wölkchen.
von
Eduard Nöstl
Der
Ringsee besteht eigentlich aus drei Seen: dem östlichen und
dem westlichen Ringsee sowie dem Sätoftasee. Gespeist wird
der Ringsee unter anderem vom Bach Hörbyån, der am Campingplatz
Rinsjöstrand bei Osbyholm in den östlichen Ringsee fliesst.
Wir
beginnen unsere Rundfahrt am anderen Ende des Sees, in Snogeröd.
Gleich gegenüber dem Sportplatz des Ortes zweigt von der Strasse
Richtung Hörby ein Feldweg ab Richtung See. Diesem folgen wir
vorbei an einem langgestreckten Getreidefeld und haben nach etwa
zweihundert Metern bereits die orange Markierung des Schonenweitwanderwegs,
der ein Stück, bis Hörby, unser Begleiter sein wird.
Wir
befinden uns jetzt auf dem ehemaligen Bahndamm, als die Eisenbahn
noch von Eslöv nach Hörby geführt hat. Ein alter
Wasserturm für die immer durstigen Lokomotiven steht noch immer
malerisch gegenüber dem ehemaligen Bahnhof, der jetzt in ein
Ferienhaus umfunktioniert wurde.
Bereits
hier beginnt die grosse Geissel des Ringsees. Privathäuser
am Strand, wodurch wir den See immer wieder nur erahnen können.
Immerhin sind die Villen schön und die Gärten gepflegt,
sodass sich das Auge an den Blumen und den perfekt gestutzten Rasen
erfreuen kann. Andererseits wie sagt man doch so schön - des
einen Leid des anderen Freud und wenn eines dieser Häuser mir
gehören würde dann würde ich wahrscheinlich auch
keinen Gedanken daran verschwenden, dass andere Leute das vielleicht
nicht so gut finden. Also alle die das lesen und eines dieser Häuser
ihr eigen nennen - bitte geniesst die Aussicht und lasst es euch
richtig gut gehen.
Ausserdem
ist es ja nicht so, dass es nicht genügend Möglichkeiten
zum Baden gibt: drei öffentliche Badestrände laden ein
am Ringsjön. Im Ortsteil Gamla Bo liegt
nicht nur ein öffentlicher Badestrand, sondern hier gibt es
auch einen wirklich
malerischen, um nicht zu sagen romantischen öffentlichen Zugang
zum
westlichen Ringsjön. (Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Nalop,
vielen Dank dafür).
Einige
der Häuser sind als Ferienhäuser zu mieten, wie wir bald
merken, als wir auf ein Auto mit östereichischem Kennzeichen
stossen. Die vierköpfige Familie Friedl aus Reutte in Tirol
ist bereits das dritte Mal auf Schwedenurlaub und nach zweimaligem
Urlaub in Småland sind sie heuer am Ringsee.
"In
Småland waren wir in der Nähe von Växjö und
in der Nähe von Markaryd. Das war deutlich ruhiger da, aber
hier am Ringsee kann man dafür enorm viel unternehmen",
fasst Vater Friedl zusammen. Die Familie verströmt die typisch
österreichische Gemütlichkeit und als dann auch noch ein
Zipferbier auf den Tisch kommt, sind der guten Laune keine Schranken
mehr gesetzt. "Bier und Wein ist das einzige, was wir auf unseren
dreiwöchigen Urlaub mitnehmen," erklärt Mutter Friedl,
"alles andere kaufen wir hier ein".
Das
Haus der Familie ist gross und liegt natürlich am See, der
sich sich hier in seiner ganzen Majestät zeigt, was schon mal
in ziemlichem Wellengang resultieren kann, speziell, wenn der Wind
wie heute aus Westen kommt. Ganz begeistert ist die Familie Friedl
vom Tierreichtum gleich rund ums Haus. "Alles da, vom Igel
über den Fischotter bis zum Dachs", freut sich Caroline,
die etwa vierzehnjährige Tochter , die sich rührend um
ihre kleine Schwester Maria kümmert.
Als
wir erzählen, wir würden eine kleine Wanderung für
den nächsten Tag ins Auge fassen, erhalten wir gleich einen
guten Tip: "Zum Tierpark und dann zum Vaxsee, ein wunderschöner
Spaziergang," empfiehlt Vater Friedl.
Auf
diesem Bahndamm geht es problemlos bis zum Campingplatz Ringsjöstrand,
der nun wirklich alles hat, was man sich von einem Campingplatz
in Schweden erwartet: Direkt am See in einer Bucht gelegen, von
einem Schilfgürtel geschützt und an der Mündung des
Hörbybachs, wo die Kanus liegen, die hier gemietet werden können.
Auch kleine Blockhütten bieten sich an, nur merkt man ihnen
an, dass sie schon geraume Zeit ihren Dienst tun. Doch das tut der
Beliebtheit keinen Abbruch, denn der Campingplatz ist voll.
Weiter
geht es an Schloss Osbyholm vorbei, ein Renaissanceschloss, das
1678 niedergebrannt wurde, aber bald wieder aufgebaut war. Wir bleiben
auf dem Radweg und fahren durch den kleinen, malerischen Ort mit
einem kleinen Weiher mitten im Ort. Gleich dahinter kann man wählen:
entweder links auf der asphaltierten Strasse Richtung Fulltofta
oder auf dem Radweg bleiben und nach Hörby hineinfahren.
Bleibt
man auf dem Radweg muss man von Hörby Richtung Höör
auf der vielfrequentierten Strasse 13 bis zum Abzweig Fulltofta
fahren, daher empfehlen wir schon hier in Osbyholm Richtung Fulltofta
zu radeln.
Auf
der Strasse ist kaum ein Auto unterwegs und sie bleibt verkehrsarm
bis Ludvigsborg. Wir befinden uns hier auf der alten Landstrasse,
das sieht man an den Alleebäumen, zuerst uralte Eichen, dann
Buchen und dann, kurz vor Fulltofta Gård, ein gelbes Herrenhaus
in einem weitläufigen Park mit dazugehöriger schöner
Steinkirche, Kastanien. Ein paar Kilometer weiter zweigt links ein
Feldweg ab mit dem Schild Fornminne. (Gedenkstein)
Am
Wegende liegt das Gräberfeld "Grydsbacken" mit einem
"Domarring" oder Gerichtsring aus Eichen, und sechs Schiffsetzungen
aus der Jüngeren Eisenzeit (500 v.Chr. - 1050 n.Chr.). Interessant
auch die Umgebung, die bis auf ein paar Bauernhöfe ziemlich
unbeeindruckt vom Wandel der Gezeiten wirkt. So könnte Schonen
durch die Jahrhunderte hindurch ausgesehen haben.
Ludvigsborg
ist eine Sammlung Häuser mit Pflegeheimen und einer privaten
Schule. Merkwürdigerweise gibt es hier einige Anbieter von
Privatzimmern. Granliden in Ludvigsborg sieht richtig nett aus.
Vier Kilometer weiter geht es links ab zum Campingplatz Jägersbo.
Hauptsächlich für Wohnwagen und schön gelegen am
See. Viel Trubel, da hier unterm Jahr ein beliebter Tanzstadel seine
Pforten aufschlägt.
Im
See stehen zwei Ponnies bis zum Bauch im Wasser, während ihre
Reiterinnen vergnügt im Wasser planschen. Ältere Männer
fachsimpeln am Strand und Angler versuchen ihr Glück vom Steg
aus. Ein friedliches Bild eines gelungenen Sommertages, was noch
durch den Duft der Grillkoteletten unterstrichen wird, der vom offenen
Feuer herüberweht.
Fast
lückenlos schliesst sich Sätofta an. Hier entschwindet
der Ringsee, um am Nybyväg, der am Ortsende von Sätofta
links abzweigt, plötzlich wieder aufzutauchen. Rechterhand
liegen schöne alte Villen, die offensichtlich durch die Strasse
vom See getrennt sind, was aber nicht daran hindert, dass die Ufergrundstücke
allesamt privat sind und dies auch mit entsprechenden Schildern
kundgetan wird. Die Rasenflächen sind peinlich genau gepflegt
und das eine oder andere kleine Segelschiff oder Ruderboot liegt
am Pier vertäut.
Übrigens
sind wir seit Fulltofta auf dem sogenannten "Sverigeleden",
einem durch ein grünes Schild gekennzeichneten Radweg unterwegs.
Diese
beschauliche kleine Strasse mündet ganz unvermutet in die stark
frequentierte Reichsstrasse 23. Dieser folgen wir ungefähr
drei Kilometer und kommen zum Bosjökloster. Nicht daran vorbeifahren,
sondern anschauen. Es zahlt sich bestimmt aus. Und wenn nur wegen
der Blumenpracht, die hier fleissige Hände zustandegebracht
haben.
Etwa
zweihundert Meter die Strasse weiter reckt die Bosjöklostermühle,
eine alte Windmühle, ihre Flügel in den Himmel. Hier ist
ein kleiner Parkplatz gleich rechts neben der Strasse und um die
Mühle herum sind Holztische und -bänke aufgestellt und
es lässt sich völlig ungestört mit Blick über
den westlichen Ringsee die Brotzeit einnehmen. Wirklich empfehlenswert,
weil kaum jemand stehenbleibt.
Gestärkt
geht es weiter nach Gamla Boo, auch wieder so eine Ansammlung von
Häusern aus dem Bilderbuch. Linkerhand liegt eine Räucherei,
nach Überquerung des Verbindungsgewässers der beiden Ringseen
liegen zwei Gasthöfe, Ringsjövärdshus und Pension
Klinta. Dann geht es bergauf und links und rechts breiten sich Getreidefelder
aus. Der Ringsee liegt weit unten. Nach zwei Kilometern sind wir
wieder am Ausgangspunkt unserer Rundfahrt. Ungefähr vierzig
Kilometer haben wir zurückgelegt. Eine schöne Ganztagstour.
Skånes Djurpark, Vaxsee und Bosjökloster
An
einem Tag wie diesem ist für jeden etwas dabei. Die Kinder
freuen sich über den Ausflug in den Tierpark, einen der grössten
Schwedens und mit seiner Vielfalt an nordischen Tieren wohl auch
einer der am besten ausgestatteten. Elch, Luchs, Vielfrass, Wolf,
Wisent, Robbe, Dachs, Marder und jede Menge Vögel sind da.
Die Eintrittskarte um SEK 100.- (DEM 18.-) für Erwachsene,
Kinder haben freien Eintritt, gilt fürs ganze Jahr.
Neben
dem Tierpark wurde eine Steinzeitsiedlung aufgebaut, ausserdem liegt
ein spärlich besuchter Campingplatz und eine interessante Jugendherberge
"Grottbyn", wo in Erdhöhlen Zimmer hineingebaut wurden.
Keine Angst, die Zimmer sind voll modern mit Dusche und WC. Durchaus
interessant, wenn man eine etwas extravagante, nicht alltägliche
Übernachtungsmöglichkeit sucht.
Wir
folgen dem Tip der Familie Friedl und wandern von der Grottbyn den
gut beschilderten Weg Richtung Vaxsee. Am Zaum entlang, dafür
gibt es auf der anderen Seite des Wegs massenhaft Himbeeren. Nach
vierzig Minuten sind wir am anderen Ende des Tierparks angekommen
und die Seeumschreitung kann beginnen.
Der
Vaxsee ist klein, etwa zwei Kilometer im Umfang, und dürfte
ein gutes Angelrevier sein. Darauf lassen die vielen Stege und Feuerstellen
schliessen, die rund um den See zu finden sind. Nach ungefähr
einer Stunde sind wir in Frostavallen angekommen, wo ein Vogelzoo
eingerichtet wurde mit bunten Vögeln aus aller Welt. Einer
schöner gefärbt als der andere.
Frostavallen
ist eine Hotelanlage, die im Sommer mit angenehmen Preisen aufwarten
kann. Ausserdem sind es von hier nur ein paar Kilometer zum Dagstorpsee,
der mitten in einer zauberhaften Wandergegend liegt.
Von
Frostavallen marschieren wir zurück zum Auto und fahren gleich
zum Bosjökloster, ca. zehn Kilometer. Bosjökloster liegt
etwa dreihundert Meter von der Strasse entfernt direkt am Ringsee.
Zwischen Strasse und Kloster tummeln sich Golfspieler. Doch gleich
nach der Einfahrt herrscht Ruhe und Stille.
BOSJÖKLOSTER
Bosjökloster
war über Jahrhunderte ein Benediktinerkloster, ist heute aber
vom Grafen Tord Bonde bewohnt, der grosszügigerweise sein Schloss
der Öffentlichkeit aufgetan hat. Natürlich nicht alle
Räume, aber einen Grossteil. Dazu gehört auch die alte
Klosterkirche und das eigentliche Kloster.
Ausstellungen
und eine urige Ahnengalerie geben einen Einblick in die durchaus
beeindruckende Geschichte der Familie Bonde, die einige schwedische
Könige, so z.B. Knut Knutsson (gest.1470) aus ihren Reihen
gestellt hat. Knut Knutsson Bonde hat das Königsein so viel
Spass gemacht, dass er gleich dreimal dieses Amt ausgeübt hat.
Bosjökloster
wurde 1080 gegründet. Das Grundkapital dafür hatte man
von Hauptmann Tord Thott erhalten, der, als alter Kriegsmann wohl
von seinem Gewissen gepeinigt, seinen Frieden mit Gott machen wollte,
und was kann da besser helfen als die Fürbitten und Gebete
frommer Nonnen? 1181 bestätigte Papst Lucius im ersten schriftlichen
Dokument, das Bosjökloster ausdrücklich in dieser Eigenschaft
erwähnt, die Privilegien des Klosters.
War
das Kloster von Anfang an allen Mädchen offengestanden, so
dauerte es nur zweihundert Jahre und jeder, der ins Kloster gehen
wollte, musste eine gehörige Eintrittsabgabe leisten. So wird
überliefert, dass der Ritter Björn Svensson sieben Höfe
versetzen musste, um seinen beiden Töchtern den Eintritt ins
Kloster zu ermöglichen.
Der Besuch des Klosters wurde mit 40 Tagen Ablass belohnt. Wie viele
Tage Ablass der heutige Besucher für seine fünfzig Kronen
Eintritt bekommt, die er bei Betreten des Kloster berappen muss,
ist nirgendwo dokumentiert, aber der Besuch zahlt sich auf alle
Fälle aus.
Fixpunkte
der Besichtigung sind: Kirche, Refektorium der Nonnen, Rosengarten,
Klosterhof, Kräutergärtchen und tausendjährige Eiche.
Leider gibt es Führungen nur für Gruppen. Als Draufgabe
empfiehlt sich eine Fahrt mit dem Ruderboot, denn die ist im Preis
inbegriffen.
Das
ist wieder einer jener Züge, die Schweden so liebenswert machen
- gerade, wenn man glaubt, es ist wie überall sonst auch, da
kommt wieder eine grosszügige Geste, die alle kleinlichen Kritikpunkte
aufhebt, ins Nichts verwandelt und eigentlich den Kritiker beschämt
dastehen lässt.
Unter
den vielen Schlossherren auf Bosjökloster sei einer erwähnt,
der uns bereits aus einem anderen Artikel zur Geschichte Schonens
bekannt ist (Brömsebro). Genau, es ist jener Corfitz Uhlfelt,
der in jenen Jahren der Kriegswirren so ungeschickt hantierte, dass
er es sich nicht nur mit den Schweden, sondern auch mit dem dänischen
König verscherzte. Ulfelt musste fliehen, seine Frau, eine
Schwester des dänischen Königs, wurde in Kopenhagen ins
Gefängnis geworfen und Bosjökloster ging in den Besitz
der schwedischen Krone über.
Wieder
sollten einige Jahre ins Land gehen, auf Bosjökloster sass
damals ein alter Richter, Hammarberg mit Namen, der wohl sang- und
klanglos von der Geschichte verschluckt worden wäre, wäre
nicht sein Sohn der "Kurier Stenbocks" gewesen.
Das
war so: Damals gab es ja keine Telefone und mit der Post war es
wohl auch nicht weit her, wenn also ein grosses Ereignis nach Stockholm
am Hofe berichtet werden sollte, wurde ein Kurier geschickt. Feldherr
Magnus Stenbock hatte in einem der unzähligen Kriege zwischen
Schweden und Dänemark den Dänen wieder einmal eine entscheidende
Niederlage zugefügt und also musste dieses Ereignis berichtet
werden.
Zum
Kurier, der die freudige Nachricht übermitteln sollte, wurde
kein anderer als der Sohn jenes Hammarberg auf Bosjökloster
ausersehen. So ging der Name Hammarberg in die Annalen ein.
1904
ging Bosjökloster in den Besitz der Familie Bonde über,
einer der ältesten Adelsfamilien Schwedens. 1968 öffnete
Tord Bonde Bosjökloster für die Allgemeinheit und seither
haben Tausende von in - und ausländischen Besucher sich an
den alten Klostermauern erfreuen können.
In der schwedischen Toscana
Es
klingt vielleicht merkwürdig, aber die beiden Seen, der östliche
und der westliche Ringsee, verbreiten unserer Meinung nach ein völlig
unterschiedliches Ambiente. Nicht allein die Grösse unterscheidet
die beiden Seen, ist der östliche Ringsee vierzig Kilometer
vom Umkreis her gesehen, so muss sich der westliche mit bescheidenen
neunzehn begnügen, nein, auch von der Ausstrahlung ist der
östliche fast protzig zu nennen, während der westliche
geradezu bescheiden wirkt.
Bosjökloster,
Fulltofta und auch die alten Villen an der Nybystrasse verleihen
dem östlichen Ringsee ein Gepräge wie die Diamanten einer
Königskrone, während der westliche bescheiden wie ein
Girardi im kleinbürgerlichen Strohhut auftritt. Allerdings
ein Strohhut, der schon einmal im Überschwang der Gefühle
in die Luft geworfen wird, was man bei einer Krone ja tunlichst
vermeiden wird.
Der
westliche Ringsee ist also eher etwas für die Bescheidenen,
die Kleinbürgerlichen und die Bodenständigen unter uns,
die sich an kleinen Dingen erfreuen wollen, denen ein Kuckuruzfeld
(Maisfeld), das grünsaftig daliegt, oder ein Getreidefeld mit
seinem gelben Heiligenschein ehrlicher und wichtiger erscheint als
ein allemal so schönes und wertvolles Schloss, das nur aus
Prunksucht geschmückt und herausgeputzt worden ist.
So
ist denn auch der Höhepunkt der Rundfahrt um den westlichen
Ringsee kein Schloss, sondern ein kleines Kirchlein, die Kirche
von Stehag.
Doch
wir wollen den Ereignissen nicht vorgreifen sondern beginnen unsere
Rundfahrt dort, wo die Strasse von Sätofta her kommend, die
Strasse 23 überquert. Da haben wir linkerhand gleich die weitgestreckten
Stallungen und Pferdekoppeln der Araberzucht und Galopprennbahn
von Blommeröd. Daran schliessen sich die Laubwälder von
Ormanäs und gleich dahinter öffnet sich das Land und linkerhand
sehen wir eine Vogelwarte, die einen schönen Blick über
den See ermöglicht.
Auf
der Brücke, wo der Rönnebach den Ringsee verlässt,
stehen zwei Buben und halten konzentriert und andächtig eine
Angel ins Wasser.
"Na, beissen die Fische?"
"Nein", nach einem kurzen Zögern "doch, einer,
ein Barsch".
Dann wenden sich die zwei Köpfe wie auf Kommando wieder ihrer
Beschäftigung zu und der neugierige Fremde ist vergessen.
Bei
Sjöholmen donnert ein X2000 vorbei, der Hochgeschwindigkeitszug
und ganze Stolz der Schwedischen Eisenbahnen, dann ändert sich
die Landschaft. Reines Bauernland tut sich auf.
Rechterhand
ein Kuckuruzfeld, dann eine scharfe Rechtskurve mit darauffolgender
ziemlicher Steigung, linkerhand ein riesiges Getreidefeld, das seine
gelben reifen Ähren bis zum Horizont erstreckt.
Stehags
Kyrkby, also Stehags Kirchdorf steht auf einem kleinen Schild, daneben
ein Kirchlein mit vielen Eintrittstoren, die alle verschlossen scheinen.
Doch eine Tür steht weit offen und wir treten ein.
Die Kirche unterscheidet sich von anderen Kirchen in Schonen durch
die Heimeligkeit - wodurch wird dieses schöne Gefühl des
Heimkommens hervorgerufen? Ist es der Altar, schön geschnitzt
und mit Heiligenbildern, die farbenprächtigen Hinterglasmalereien
der Fenster? Nein, es dürften die gastlichen Tische sein, die
im Seitenschiff aufgestellt sind.
Auf
einem Kasten hält ein holzgeschnitzter Engel Wacht und am Fenstersims
liegt eine uralte Bibel aufgeschlagen. Voller Neugier treten wir
näher: die "Höga Visan" das Hohelied ist aufgeschlagen
und beginnt "Kyssar give han mig/ kyssar av sin mun/ ty din
kärlek är mer ljuv än vin
. ("Mit Küssen
seines Mundes bedecke er mich/ Süsser als Wein ist deine Liebe/
Köstlich ist der Duft Deiner Salben/ Dein Name ist hingegossenes
Salböl/ darum lieben dich die Mädchen.)
Auf der gegenüberliegenden Wand hängt ein Brief von König
Gustaf III. Er beginnt mit den markigen Worten: "Gute Herren
und schwedische Männer!" (1772) So spricht ein echter
Herrscher seine Mitstreiter an und bringt in dieser Wortwahl die
Hochschätzung und Anerkennung des je individuellen Wertes des
einzelnen zum Ausdruck.
Draussen
vor der Tür steht ein älterer Mann und fragt nach der
Vogelwarte. Dann sieht er uns fragend an: "Ihr seid aber keine
Schweden?" Auf unsere Auskunft woher wir kommen "Ah, Österreicher,
da war ich damals, als meine Frau noch gelebt hat. Sie müssen
wissen, mein Schwager war Direktor bei Felix und als wir da waren,
im Burgenland, haben wir in der Repräsentationswohnung der
Firma gewohnt, ja das war schön
"
Es ist immer wieder rührend, wie sehr altgediente Eheleute
aneinander hängen und welch grosse Leere das Dahinscheiden
eines Ehepartners im zurückgebliebenen hinterlässt. Es
ist, als wäre derjenige, der zurückbleiben muss, nur mehr
ein halber Mensch.
An
der Strassengabelung nicht Richtung Stehag weiterfahren, sondern
Richtung Kungshult und nach vielleicht hundert Metern gleich wieder
links Richtung Gamla Bo. Übrigens haben wir jetzt endgültig
den Sverigeleden verlassen. Dennoch breitet sich jetzt vor uns der
schönste Teil der Rundfahrt aus.
Hirse,
Roggen, Korn und Gerste - alles wächst und gedeiht und unten
im Tal lächelt der Ringsee dazu. Lärchen schwirren durch
die Luft und die Luft ist weich und duftet wie Tausende Kilometer
weiter im Süden. Ich war nie in der Toscana, aber so muss es
wohl dort sein. Rechterhand taucht ein altes Gebäude auf: "Källeberga
Skola" steht mit grossen Lettern drauf.
Heute
ist die Schule wohl ein Ferienhaus und keiner denkt mehr an die
Kinder, die hier das Einmaleins gelernt haben. Weiter
geht es ganz gemütlich vorbei an Obstgärten, wo die Zeit
stillzustehen scheint. Alte Männer sitzen unter dem Apfelbaum
und strahlen alle Ruhe dieser Welt aus, wenn sie sich gemessenen
Tones, würdig und sichtlich wohlgefällig unterhalten.
Alte Männer bei der Unterhaltung zu beobachten, ist immer wieder
ein angenehmes Schauspiel.
Da
haben diese Patriarchen ihr Leben lang gekämpft, sich abgeplagt
und einander betrogen wo sie nur konnten um des kleinsten Vorteils
willen und jetzt im Alter ist das alles auf einmal nicht mehr wichtig,
sondern wird relativiert von so naheliegenden Dingen wie, ob die
Äpfel wachsen und die Rosen blühen. Schlussendlich ist
die richtige Relation der Wertigkeiten im Leben hergestellt.
Damit
sind wir auch schon wieder auf der 23-er und jetzt ist keine Zeit
mehr für philosophische Gedanken, sondern es gilt, die Haut
zu retten, denn als Radfahrer hat man auf dieser Fahrt einen schweren
Stand zwischen allen Überlandlastwagen und schnellen Autos.
Last
Updated: Donnerstag, 4. September 2008
Copyright 1999-2008 Dr. Eduard Nöstl
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