Wandern
in Südschweden
Bergslagsleden/Västmanland

Kurzbeschreibung:
Wanderung von Kloten nach Gillersklack (Västmanland)
Länge: 21 km
Charakteristik: leichte Wanderung durch weite Nadelwälder vorüber
an vielen kleinen Waldseen
Höhepunkte: Waldseen, Åbrohütte am Sandåbach, See Lilla Kroktjärn
Markierung: Gut ausgetretener Wanderpfad mit oranger Markierung
und beschildert mit Symbol (roter Wanderer auf blauem Grund) für
den Bergslagsleden. Erstmalig fürSchweden ist hier die Möglichkeit
vorhanden, das Gepäck für diese Wanderung an den Zielort transportieren
zu lassen, bzw. für den Rücktransport ins Feriendorf Kloten wird
gesorgt.
Der
Bergslagsleden, wie wir ihn in Folge nennen werden, ist in den europäischen
Weitwanderweg eingebunden, der von Sizilien nach Nordschweden führt.
Der Pfad ist 280 km lang und durchgehend sehr gut markiert. Die
17 Tagesetappen sind zwischen 15 und 23 Kilometer lang, wobei in
der Mitte jeder Abschnitts ein stabiler Windschutz aus Holz mit
Feuerstelle errichtet wurde. An den Endpunkten der Etappen gibt
es Möglichkeiten für Übernachtungen.
Der
Weitwanderpfad führt grösstenteils durch Wälder und vorbei an Seen,
Ortschaften werden nur an den Etappenzielen tangiert. Wichtig ist
das Mitbringen von Trinkwasser, da an den Raststellen Wasser aus
Seen bzw. Bächen zum Kochen verwendet werden kann, aber nicht zum
Trinken zu empfohlen werden kann.
Die
Abschnitte sind als Tageswanderungen konzipiert und können von jedem
einigermassen gewohnten Wanderer bewältigt werden. Dennoch muss
betont werden, dass es sich bei den einzelnen Etappen um Tageswanderungen
handelt, die auch auf zwei Tage erwandert werden können, da ungefähr
nach der Hälfte der Strecke Übernachtungsmöglichkeiten an besonders
naturschönen Stellen meistens an Seen oder Bächen in Form von festgezimmerten
Windverhauen mit Feuerstelle und Plumpsklo errichtet sind.
Zur
Ausrüstung gehört Regenschutz, Wasserflasche und Jause. Leichte
Wanderschuhe reichen vollauf, da nur Waldstrecken zu bewältigen
sind. Karten für die einzelnen Abschnitte sind in den Touristenbüros
erhältlich, eine Zusammenfasssung gibt es auch auf deutsch.
Von
Kloten nach Gillersklack
Der
See Långvattnet ist ein schöner, langgestreckter See, recht schmal,
aber dafür an die zehn Kilometer lang mit zahlreichen Inseln, die
sich herrlich zum Anlegen für den Kanupaddler eignen.
Unsere
Wanderung beginnt direkt im Feriendorf. Wir gehen am Ufer des Sees
entlang, am gelben Försterhaus und an besagter Fischzucht vorbei.
Am Zaun ist ein Schild angebracht, worauf vor den Schafsböcken gewarnt
wird. Eine originelle Wachmannschaft!
Ein
breiter Weg führt uns am Seeufer entlang und verschwindet schon
nach kurzer Zeit im Wald, der uns für die nächsten Stunden umgeben
wird. Diese Wanderung ist typisch für Mittelschweden. Der Waldreichtum
Schwedens ist ja nun wirklich sprichwörtlich und hier im Bergslagen
wird das so richtig unter Beweis gestellt. Nadelwald, also Fichten
und vereinzelt Föhren überwiegen.
Auch
Birken kommen vor, die sehr hoch wachsen und denen man anmerkt,
dass das Klima hier im "Süden" um einiges freundlicher ist als im
Norden. Grosse Findlinge liegen wie achtlos von Riesenhänden verstreute
Murmeln umher. Moose und Flechten gibt es in allen Formen und Farben,
vom tiefsten Grün bis zum hellen Grau.
ZUM
TROLLBERG
Die
ersten dreihundert Meter steigt der Weg deutlich an, wird wohl auch
schmäler, ist aber gut ausgetreten und angenehm oft markiert durch
die typischen orangefarbenen Ringe um die Bäume. Auch an Weggabelungen
weist uns der rote Wanderer auf blauem Hintergrund die Richtung.
Nach
fünfhundert Metern geht ein kleiner Abzweig (300 m) zum Trollberget.
Wir steigen hinauf und haben einen schönen Rundblick auf die weiten
Wälder. In der Ferne können wir den Grubenturm von Stråssa ausnehmen,
auch ein Relikt aus der "Bergslagszeit", also den goldenen Zeiten
des Bergbaus, als jeder Ort in der Gegend eine eigene Erzgrube oder
zumindest eine Hütte sein eigen nennen konnte.
Vor zwanzig Jahren habe ich im Zuge meiner Ferialpraxis als angehender
Student des Hüttenwesens noch die Aufbereitungsanlage für
das gewonnene Erz repapieren geholfen. Heute
wird das Wasser aus den tiefen Schächten Stråssas nach oben gepumpt,
in Flaschen abgefüllt und als besonders wohlschmeckendes und sauberes
Wasser im Supermarkt angeboten.
Wieder
auf dem Wanderpfad verjüngt sich dieser und die Schwarz(Blau)beerenbüsche
locken mit reifen Beeren links und rechts des Wegs. Man braucht
sich nur mehr zu bücken.
Kloten
liegt auf 270 Meter und das Etappenziel Gillersklack auf 350, wodurch
eigentlich eine ständige Steigung eingeplant sein sollte, doch es
geht einmal rauf und dann wieder runter. Ein strahlend blauer Spätsommertag
im September, dem wärmsten in diesem Jahrhundert in Schweden, umfängt
uns.
Es
dürfte so um die zwanzig Grad haben und das jetzt um halb acht Uhr
morgens. Viele Pilze, leider meist Fliegenpilze, das Moos und die
Bohlen über das Hochmoor, das allerdings nach der langen Periode
ohne Regen völlig trocken ist, zeugen von der feuchten Erde.
KAHLSCHLAG
ODER RÜCKENSCHMERZEN
Auch
die letzten Zweifel zur Qualität der Markierung werden bei der ersten
Querung einer Forststrasse gelöscht, als klar und deutlich am Abzweig
das Schild mit dem Bergslagsleden angebracht ist. Ein Kahlschlag
zeugt hier von dem emsigen Fleiss menschlicher Maschinen.
Nur
selten wird ein Forstarbeiter in Schweden mit der Säge in der Hand
angetroffen. Grosse Maschinenungetüme, die die Bäume nicht nur schneiden,
sondern gleich auch entästen, entrinden und auf handliche Längen
zusammenstutzen, machen den Waldarbeiter zum Forsttechniker. Die
Folge dieses Einsatzes moderner Technik sind Kahlschläge von mehreren
Quadratkilometern. Nicht schön, aber zweckmässig.
Wem
es nicht gefällt, kann ich nur einen Tag mit der Motorsäge im Wald
empfehlen. Voll Freude wird er sich am nächsten Tag in eine Forstmaschine
setzen, die diese schwere Arbeit für ihn rückenschonend erledigt.
AUERHÄHNE
UND KOHLENMEILER
Tau
liegt auf den Gräsern, die hier noch grün und saftig wuchern, hell
glänzen die Tropfen in den Spinnweben des typischen Altweibersommers.
Wir passieren einen kleinen künstlichen Teich mit einer Wassermesstelle
des schwedischen metereologischen Instituts SMHI. Ganze 280 solcher
Messtellen gibt es in Schweden, ist da zu lesen.
Immer
wieder ist das Schlagen schwerer Flügel im Gebüsch zu hören,
es wird gerätselt, um welchen Vogel es sich wohl handeln mag, da
fliegt einer dieser schweren Burschen vor uns auf: ein Auerhahn!
Ein
schlichtes Holzkreuz am Wegrand und zwei Holzbänke laden zur Rast,
eine Inschrift zitiert das Alte Testament: "Der Herr ist mein Hirte,
an nichts wird es mir fehlen. Auf grünen Wiesen lässt er mich ruhen
...." (Psalm 23). Wir befinden uns in Källtjärn, einem Geisterdorf,
das früher einmal so bedeutend war, dass der Ort eine eigene Schule
sein eigen nennen konnte.
Die
Eisenverarbeitung brauchte Kohle, die in Kohlenmeilern hergestellt
wurde, später verlangte die Forstwirtschaft nach Pferden und Männern
im Wald, und so wurden Dörfer und Siedlungen angelegt, die mit Verschwinden
der Industrie beziehungsweise ihrer Rationalisierung ebenso geheimnisvoll
wie sie entstanden waren, wieder verschwanden.
Es
ist kaum zu glauben, doch diese Gegend war früher, also vor zwei
bis dreihundert Jahren, so entlegen, dass Finnen aus dem russischen
Grenzland mit sanfter Gewalt eingeladen wurden, um diese Gegend
urbar zu machen. Wir marschieren weiter an zwei Häusern vorbei durch
ein Birkenwäldchen ins Tal. Die Farne, die fast mannshoch üppig
wuchern, sind immer noch tiefgrün.
AN
DER ÅBOHÜTTE
Nach
sieben Kilometern kommen wir zur Åbohütte, auch so ein Relikt aus
der Kleinkeuschlerzeit. Die Hütte, anders kann man das Haus nicht
bezeichnen, wurde 1993 wieder im Original hergestellt, bis 1900
wohnte hier ein Ehepaar, Anders Jansson, mit sieben Kindern. In
einem Raum mit offener Feuerstelle und Erdboden! Doch Signe, eine
der Töchter, die 1894 hier geboren wurde, lebte bis 1990.
Die
Lage am Sandbach, der sich hier zu einem kleinen Teich erweitert,
ist, was Schönheit betrifft, nur schwer zu schlagen. Der Bach plätschert
munter über die Steine, ehe er sich zu einem hochmoorartigen Waldsee
verbreitert, der von rostroten Wiesen umgeben ist. Nur einige Fichten
ragen verstreut auf. Dazu der blaue Himmel und der Sonnenschein,
es kann wohl kaum mehr schöner werden.
Die
Rast wird genossen, wir bleiben vor der Hütte und studieren die
Eintragungen im Gästebuch. Viele Wanderer bleiben über Nacht, angeln
im Teich, anscheinend tummeln sich darin Forellen und Brachsen,
und wandern am nächsten Tag wieder weiter.
PREISELBEEREN
UND SCHWARZBEEREN
Eine
schöne Holzbrücke leitet uns sicher über den Sandbach. Ein Pfad
geht zum neun Kilometer entfernten Sandsee. Auf dem unvermeidlichen
Kahlschlag leuchten rot die Riesenpreiselbeeren. Den Kahlschlag
endet in einer Forststrasse, die uns zu einem hohen Fichtenwald
bringt.
Schwarzbeerengestrüpp
und hier hängen auch die Beeren dunkelblau, fast schwarz. Und welche,
kirschengross und perfekt reif. Jetzt wird das Wandern schwierig,
es gibt kein Vorwärtskommen mehr. Rechts und links des Weges hängt
die Verlockung. Händevoll stopfen wir uns die köstlichen Beeren
in den Mund. Erst durch die Schönheit des nächsten Waldsees werden
wir so weit abgelenkt, dass der Reiz der Schwarzbeeren sekundär
wird.
Nirgends
sonst habe ich solch herrliche Waldseen gesehen. Vielleicht im Norden,
aber dort sind sie nicht im Wald versteckt, sondern liegen frei
auf den Hochebenen der Fjälls. Was diese Seen so reizvoll macht,
ist der Wiesengürtel, der sie wie ein natürliches Passepartout umgibt
und der jetzt im Spätsommer bereits rostrot gefärbt ist. Dazu die
Birken als zweiter Blickfang und schliesslich der Wald selbst, der
dadurch ein wenig von seiner schweren Wucht verliert und freundlicher
wird.
Der
Pfad führt einen Hang hinauf, der von Findlingen übersät ist, die
zwischen den grossen hohen Fichten liegen und zwischen deren bemoosten
Häuptern in der Abenddämmerung die Elfen, Wichtel und Alraunen Fangen
spielen.
Abwechselnd führt der Weg durch tiefen Nadelwald, an freundlichen
Seen vorbei und an Kahlschlägen entlang. Die Findlinge sind übrigens
Überbleibsel aus der letzten Eiszeit, als isolierte Eismassen des
Inlandeises das Abschmelzen verzögerten.
AM
LILLA KROKTJÄRN
Eine
Forststrasse nimmt uns auf und das nächste Schild gibt bereits die
Hälfte unserer Wanderung an: Wir sind am Lilla Kroktjärn angekommen
und etwa fünf Stunden gewandert. Auch dieser Rastplatz ist mit einem
Windschutz und ausreichend Brennholz ausgerüstet. Vielleicht zwanzig
Meter entfernt liegt eine bewaldete Insel mitten im See.
Wir verzehren die mitgebrachten Brote und lassen uns die Sonne auf
den Bauch scheinen. So lässt es sich aushalten. Als Nachtisch noch
einige Schwarzbeeren, und ehe uns die Augen zufallen, machen wir
uns wieder auf den Weg.
Eine leichte Brise schafft ein wenig Abkühlung, es hat jetzt sicher
an die fünfundzwanzig Grad, wenn nicht mehr, und es wird richtig
heiss. Nur
mehr zehn Kilometer bis zum Gillersklack, sagt uns das Schild am
Wegesrand. Nach einer Wanderung über einen Höhenrücken öffnet sich
plötzlich eine Senke und gibt den Blick auf einen grossen blauen
See frei. Nach einem Blick auf die Karte wissen wir den Namen: Es
ist der Holmsee. Der Weg führt direkt ans Ufer, wo einige Feuerstellen
von Anglern zeugen, die hier ihr Glück versucht haben.
AUF
DEM GILLERSKLACK
Dann
kommt die steilste Etappe dieser Wanderung, wir beginnen den Gillersklack
zu ersteigen. Doch es sind nur fünf Minuten, die uns eine gewisse
Anstrengung kosten, dann sind wir auf dem Hochplateau und wandern
beschwingt und heiter dem Gipfel des Gillersklack zu, den wir nach
kurzer Zeit erreicht haben.
Ein
Aussichtsturm hievt uns auf etwa zehn Meter über dem Waldboden.
Vorsicht bei der letzten Stufe, vor allem für hochgewachsene Personen,
eine Querstrebe bringt den Kopf sonst leicht zum Dröhnen. Aber dieses
Malheur wird gleich wieder durch den Ausblick vergessen gemacht,
der nur Wälder, Hügel, Seen und wieder Wälder bis an den Horizont
in alle Himmelsrichtungen bringt. Kein Kirchturm, keine Ortschaft,
nichts stört den Blick in die Ferne.
Das
sind Wälder! Das ist Natur! Die letzten zehn Minuten wandern wir
auf einer Langlaufloipe des Gillersklack dahin. Der Gillersklack
ist ein beliebtes Wintersportzentrum und hat neben diesen Langlaufloipen
auch zwei Schilifte.
Am
kleinen Café wartet bereits Annica von unserem Feriendorf und bringt
uns hurtig wieder zurück nach Kloten. Auf der Fahrt werden die Höhepunkte
der Wanderung noch einmal durchbesprochen.
Mich
persönlich haben vor allem die vielen Seen und Teiche fasziniert
und diese Wanderung eingeprägsam gemacht. Der nordische Charakter
dieser Seen ist immer wieder aufs neue faszinierend. Nicht zu vergessen
die riesigen Schwarzbeeren!
Empfehlenswerte Unterkunft:
Ferienhäuser Kloten: www.kloten.nu
Last
Updated: Freitag, 14. Oktober 2011
Copyright 1999-2011 Dr. Eduard Nöstl
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